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Tanz im Blut, Adrenalin im Körper

01. Juni 2015. Danilo Campisi und Maja Karolina Franke im Gespräch mit dem ÖTSV.

Wie lange tanzt ihr schon zusammen? Wie habt ihr euch gefunden?

Danilo: Die Tanzszene in Österreich ist relativ überschaubar und  wir kannten uns schon länger vom Sehen von diversen Turnieren. Im Sommer 2014 wollte ich Maja unbedingt zu einem meiner Workshops als Teil des Trainerteams einladen. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigten wir uns zwar beide beruflich mit Tanzen, aber unsere aktiven Tanzsportkarrieren lagen auf Eis. Weil wir beide das aktive Training vermissten, beschlossen wir  kurzerhand, wieder gemeinsam einzusteigen. Am Anfang ging es um den Spaß am Training. Wir haben aber schnell gemerkt, dass wir auf der Tanzfläche auf allen Ebenen sehr gut harmonieren. Und die Chemie ist beim Tanzen essentiell!

Wie kam es zu dem großen Schritt von der Trainingspartnerschaft zum WM-Paar?

Danilo: Ende 2014, Anfang 2015 kam  die gemeinsame Idee von Showdance auf. Mit Majas Ausbildung im Bühnentanz und meinen Erfahrungen mit lateinamerikanischen Tänzen könnten tolle Choreographien entstehen, so unser Gedanke. Es hat toll funktioniert und so haben wir uns recht schnell umgeschaut, wo die nächste Turniermöglichkeit ist. Und das war die Heim-Weltmeisterschaft in Wien, am 7. Juni. Das war für uns wie ein Zeichen, denn eine WM daheim vor österreichischem Publikum ist natürlich die tollste Option, wenn auch nicht unbedingt die einfachste Weise, um wieder in die aktive Tanzsportszene einzusteigen!

Maja: Uns war dabei aber sehr wichtig, dass wir mit der Entscheidung, wieder aktiv in die Turnierszene einzusteigen, nicht den Spaß an der Sache verlieren. Die Freude soll auch weiterhin im Vordergrund stehen, auch wenn wir momentan in jeder freien Minute trainieren.

Showtanz ist Kunst!

Ihr tretet in der Disziplin Showdance an. Was ist das besondere daran?

Danilo:  Prinzipiell fasziniert mich am Tanzsport diese Kombination aus Sport und Kunst. Aber beim Showtanz überwiegt der künstlerische Teil. Deswegen kann man hier auch gewisse Sachen zeigen, die im normalen Turniertanz nicht möglich oder gar nicht erlaubt sind.

Im Unterschied zu den Lateinamerikanischen und den Standard-Tänzen wählst du beim Showtanz ja Musik und Choreographie selbst aus. Der künstlerische Anteil, die künstlerische Freiheit, die du als Tanzpaar in dieser Disziplin hast, ist sehr viel größer, als in den anderen Tänzen, wo Bewegungen usw sehr strikt vorgegeben sind. Man kann beim Showtanz die Bewegungen ganz anders ausführen, weil ja alles direkt auf das ausgewählte Musikstück choreographiert wird.

Die Choreographie zur unserer Show „Sunset Sunrise“ haben wir komplett alleine gemacht, uns dann von verschiedenen Trainern noch Feedback und Verbesserungsvorschläge geholt. Und nach drei Monaten intensiver Arbeit, von Jänner bis März 2015, waren wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Und jetzt freuen wir uns sehr. Es ist einfach toll wieder auf der Tanzfläche zu stehen. Nicht als Betreuer oder Wertungsrichter. Sondern wieder als aktives Tanzpaar. Ich hatte immer das Gefühl, meine Zeit ist noch nicht vorbei. Und für mich ist Showtanz ein ganz neue Herausforderung. Es ist das erste Mal, dass ich bei einem offiziellen Tanzturnier mit einer Show antreten darf. Und dann auch gleich noch mit einer wunderbaren, neuen Tanzpartnerin, die das überhaupt erst möglich gemacht hat.  Jetzt können wir das Adrenalin wieder spüren. Das ist toll!

Maja: Das Besondere für am Showtanz ist, dass es eine künstlerische Freiheit gibt und man eine Geschichte erzählen kann. Eine Geschichte, die man sich selbst ausgedacht hat, zu einem Lied, das man selbst gewählt hat. Dadurch identifiziert man sich auch sehr damit und kann sich tausendprozentig darauf einlassen.

Wir brauchen keinen Dolmetscher

Habt ihr einen Trainer, Betreuer, der euch begleitet?

Maja: Prinzipiell trainieren wir allein. Allerdings ist der Blick von außen natürlich sehr wichtig. Und gerade jetzt in der heißen Vorbereitungsphase holen wir uns natürlich Feedback von verschiedenen Trainern.

Danilo: Wir bringen auch beide schon jede Menge Erfahrung, auch in ganz unterschiedlichen Bereichen mit. Wir reflektieren viel und kommunizieren auch zwischenmenschlich sehr gut miteinander. Viele Tanzpaare brauchen ihren Coach auch als „Dolmetscher“ und Vermittler. Für uns war es wichtig zu sehen, ob eine dritte Person von außen auch die Geschichte versteht, die wir mit unserer Choreo und unserer Körpersprache nonverbal zu erzählen versuchen. Und das hat funktioniert. Und das ist, glaube ich, für einen Künstler das Größte.

Wird einem das Tanzen in die Wiege gelegt? Wann habt ihr damit begonnen`?

Danilo: Ich verdanke meine Liebe zum Tanzen meinem Opa mütterlicherseits. Er hat sich immer gerne zu Musik bewegt und hat mich gemeinsam mit meinen Cousin im Alter von sieben Jahren in einen Tanzclub gebracht. Ich hatte sofort Spaß am Tanzen und hab nicht mehr damit aufgehört. Meine Eltern haben das unterstützt, aber als Hobby und die Priorität lag ganz klar auf der Schule. Und vielleicht tanz ich auch deswegen immer noch so gerne. Da war kein Druck, kein Disziplingedanke, sondern einfach die Freude an der Bewegung. Das Entscheidungsjahr war dann 2007, nach meiner Matura. Die Frage: was mach ich jetzt. Und ich bin ins kalte Wasser gesprungen, nach Österreich gezogen, ohne die Sprache zu können und habe gemeinsam mit meiner damaligen Tanzpartnerin Julia Burghardt Tanzsport zu meinem Leben gemacht. Und ich würde es rückblickend wieder genauso machen!

Maja: Auch ich tanze eigentlich schon seit meiner Kindheit. Aber zum Tanzsport bin ich erst über Umwege gekommen. Seit ich denken kann, war  Ballett und moderner und zeitgenössischer Tanz Teil meines Lebens. Ich bin auf der Bühne groß geworden und wollte das auch zu meinem Beruf machen. Ich habe in Wien am Konservatorium Modern Dance und Zeitgenössischen Tanz studiert. Im Anschluss noch eine Tanzpädagogik-Ausbildung drangehängt. Zum Tanzsport bin ich eigentlich erst sehr spät gekommen, nämlich mit 18 Jahren. Mein damaliger Freund war schon aktiv im Tanzturniersport und hat mich öfters mitgenommen. Als ihm dann seine Tanzpartnerin abhanden gekommen ist, bin ich mehr oder weniger kurzfristig eingesprungen. Durch meine Ausbildungen hat ich ja schon Erfahrung. Es war von Anfang an gut, hat Spaß gemacht und ich bin dann eigentlich einfach rein gekippt.

Wir erzählen eine Geschichte

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Choreographien?

Maja: Es ist ein kreativer Prozess, bei dem wir aber bewusst darauf verzichtet haben, uns an anderen Paaren, Shows etc. zu orientieren. Das schöne für uns – es passiert einfach. Durch unseren unterschiedlichen tänzerischen Background fand und findet eine quasi eine gegenseitige Befruchtung statt,  das wunderbares entstehen lässt. Wir haben viel ausprobiert bis zur finalen Version, es ist ein Prozess, eine Entwicklung.

Danilo: Wir wollten nichts abschauen, sondern dass es unser eigenes Baby ist, das aus unserer Kreativität und Inspiration entsteht.  Wir haben das Lied immer und immer wieder angehört und so ist Schritt für Schritt die Choreo entstanden. Es war eine gemeinsame Reise, die deshalb auch so interessant und besonders war, weil wir aus unterschiedlichen Ecken gestartet sind. Wir haben gegenseitig von den Erfahrungen des andern profitiert. Wir sind schon jetzt reicher geworden.

Wie sieht euer Trainingsalltag aus?  Gibt es andere Sportarten, die ihr ausübt? Ergänzend, als Ausgleich?

Maja: Unsere Trainings sind sehr unterschiedlich. Unsere beruflichen Verpflichtungen, ich auf der Bühne, Danilo im Tanzcoaching, erlauben keinen fixen Tagesablauf. Es gilt flexibel zu sein. Auch was unsere Trainingseinheiten betrifft. Wir trainieren natürlich täglich mehrere Stunden, aber das kann in der Früh genauso sein, wie spät am Abend bis nach Mitternacht. Wir planen unsere Einheiten Woche für Woche, abgestimmt auf unsere beiden Zeitpläne.

Danilo: Ja, natürlich gehört regelmäßiges Rumpf-Kraft-Training dazu. Man braucht eine andere körperliche Vorbereitung als beim klassischen Tanz. Vor allem für die Hebefiguren beim Showtanz. In den letzten Monaten hab ich das noch intensiviert, im Wechseln mit High-Intensity-Einheiten für die Kondition. Wenn man noch andere Sportarten macht, dann immer mit dem Fokus, im Tanzen noch besser zu werden. Also Slingtraining zum Beispiel, das viel für die Körperspannung und Tiefenmuskulatur bringt. Aber jetzt in den intensiven Trainingszeit kurz vor dem WM bleibt für nichts anderes mehr Zeit.

Maja: Durch mein intensives Balletttraining und zeitgenössisches Training liegt mein Fokus auf Beweglichkeit und Streching. Natürlich mache ich auch meine Bauchmuskelübungen usw., aber ich versuche das ins Aufwärmen zu integrieren. Laufen geh ich auch, aber weniger wegen dem Trainingseffekt, als vielmehr um meinen Kopf frei zu kriegen und abzuschalten.

Danilo: Viele Sportarten kommen leider auch auf Grund der hohen Verletzungsgefahr nicht für uns in Frage. Skifahren zum Beispiel. Aber dafür ist ja noch nach der aktiven Karriere Zeit.

Das heißt, ihr müsst euren Brotberuf und den Profisport unter einen Hut bringen. Ist es euer Ziel, vom Tanzen leben zu können?

Maja: Wir leben beide vom Tanzen, dieses Ziel haben wir erreicht. In welcher Form das ist, variiert. Natürlich ist es toll, wenn auch unsere Tanzsportkarriere dazu etwas beiträgt. Aber in unseren Berufen muss man sowieso flexibel sein, mit allen Vor- und Nachteilen.

Danilo: Das kann eine Tanzshow genauso sein, wie als Trainer, als Workshop-Leiter, als Teil einer Bühnen- oder Fernsehproduktion. Man muss als selbständige Kreativer einfach immer die Augen offen halten, nach neuen Projekten, immer wach sein. Doch es ist abwechslungsreich und ich liebe es, dass ich jeden Tag meinen Kalender aufschlage und mir denke: so, wie schaut der Tag heute aus. Ich möchte keinen gleichförmigen eight-to-five-Job. Das sind wir beide nicht. Aber das ist schön ist, wie verdienen beide unser Geld mit unserer Leidenschaft.

Eure Selbstreflexion ist ein wichtiger Teil eures „Erfolgs“. Habt ihr auch einen Mentalcoach, der euch hilft, eure Leistung punktgenau bei einem Wettbewerb abzurufen?

Danilo: Wenn wir das Gefühl hätten, das wir das brauchen, würden wir das in Anspruch nehmen. Aber das war bis dato nicht der Fall.

Maja:  Natürlich werden bei der WM die Trainer, die uns in den letzten Monaten begleitet haben, bei unserer Show am Rand vom Parkett stehen und uns mental unterstützen.

Wie wichtig sind für euch als Profisportler andere Rahmenbedingungen, zum Beispiel die richtige Ernährung?

Danilo: Ich glaube, über die Jahre entwickelt man als Sportler ein Gefühl für seinen Körper, der einem sagt, was man wann braucht. Was tut einem gut, was eher nicht. Das ist auch nicht immer gleich. Deswegen folgen wir auch keinem strengen Ernährungsplan. Das gilt auch für die anspruchsvolle Vorbereitungsphase, die wir jetzt gerade durchlaufen, oder auch am Wettkampftag. Das ist Teil des Profi seins, dass man seinen eigenen Körper kennt. Das ist unsere Ressource. Vor allem beim Tanzen. Da hast du kein Sportgerät, kein Material, sondern nur deinen Körper. Deshalb muss man auch einfach akzeptieren, wenn man mal einen schlechten Tag hat und darf dann nichts übers Knie brechen. Das frustriert nur.

Maja: Ich glaube, wir sind beide so erfahren, dass wir auf unser Gefühl vertrauen und verlassen können. Das bezieht sich auf alle Bereiche, ob Training, Ernährung,…

In Hinblick auf die bevorstehende Heim – WM, trainiert ihr jetzt intensiver, härter. Zuvor steht am 30.Mai noch die Österreichische Meisterschaft in der Kür statt. Ist das eure Feuertaufe?

Danilo: Ja, also eigentlich überhaupt das erste Mal, dass wir unsere Show vor Menschen zeigen. Ganz nach dem Motto: wenn schon, denn schon. Aber das macht uns nicht nervös. Wir sind einfach nur voller Vorfreude, endlich wieder am Parkett stehen zu können. Das Publikum zu spüren, zu sehen, wie sie auf die Choreographie reagieren. Du bereitest dich monatelang auf diesen Moment vor und dann ist es endlich soweit.

Maja: Dann können wir unser Baby endlich herzeigen! Und es ist auch ein Test, weil wir bei der Österreichischen Meisterschaft Kür die gleiche Choreo tanzen wie dann auch bei der WM.

Danilo: Die Österreichische Meisterschaft als Test für die WM sozusagen. Wir steigen gleich auf hohem Niveau ein! Die Woche dazwischen wird jedenfalls spannend. Wir werden auf jeden Fall fokussiert und gleichzeitig flexibel bleiben. Aber 6 Monate Vorbereitung für eine WM ist natürlich sehr wenig, im Normalfall arbeitet man jahrelang auf so ein Ziel hin.

Kann man als Tanzpaar seinen Partner, seine Partnerin, an schlechten Tagen auch auffangen?

Maja: Natürlich, das ist ja das Schöne an dem Sport. Man ist kein Einzelkämpfer, sondern ein Team, dass zu zweit stärker ist, als jeder für sich.

Danilo: Wenn man Tag für Tag gemeinsam auf der Tanzfläche steht, lernt man sich sehr gut kennen. Nicht nur sich selber, sondern auch den anderen. Und wenn es passt, dann entwickelt man ein Gespür für den anderen. Das ist Teil unserer Stärke. Und ganz egal, welche Platzierung wir bei der WM erreichen, wir haben bereits gewonnen – weil es eine gegenseitige Bereicherung war und ist. Für beide von uns.

Wir wollen authentisch bleiben

Das heißt, das Antreten bei der WM ist schon allein für sich ein Erfolg für euch?

Maja: Ja, in Anbetracht der kurzen Vorlaufzeit sehen wir das definitiv so. Über Platzierungen brauchen wir nicht zu sprechen. Wir tanzen erst relativ kurz gemeinsam, wir treten das erste Mal gemeinsam bei einem Turnier an und dann auch noch in einer für uns neuen Disziplin. Das sind gleich drei Faktoren, die eine Vorabeinschätzung quasi unmöglich machen. Wir wollen das präsentieren können, was wir erarbeitet und kreiert haben. Die Geschichte, die wir erzählen, soll bei den Menschen ankommen.

Danilo: Wir kennen die Showtanz-Szene eigentlich noch nicht, können deshalb auch die Konkurrenz nicht beurteilen. Deswegen wäre es auch kontraproduktiv, wenn wir uns als Ziel eine konkrete Platzierung setzen würden. Wenn wir Zuschauer, und seien es nur ein paar, mit unserer Show verzaubern und berühren können, dann ist das die beste Belohnung, die wir uns wünschen können. Für die künstlerische Seite ist das der Anspruch. Aber natürlich würden wir uns über einen WM-Titel freuen!

Danilo: Es bringt für uns auch nichts, die anderen zu beobachten und zu analysieren. Das nimmt den Fokus von unserer eigenen Arbeit weg. Showtanz ist eben auch zum Teil Kunst, man erzählt eine persönliche Geschichte, deswegen müssen wir authentisch bleiben!

Wie beurteilt ihr diese Tanz-Shows im Fernsehen? Sind sie für den Tanzsport positiv zu werten?

Danilo: Ich denke, es ist wertvoll, weil es eine öffentliche Wahrnehmung für das Tanzen und den Tanzsport schafft. Es zeigt ja auch deutlich, dass die sportlichen Anforderungen sehr anspruchsvoll und hoch sind. Nicht umsonst nehmen alle Promis stark ab. Die Zuschauer bekommen mit, wie sportlich Tanzen ist. Deswegen sind diese Shows auf jeden Fall als positiv für den Tanzsport zu werten.

World DanceSport Federation SportMinisterium

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